Genossenschaften erlebbar machen

Sursee, 05.09.2014
„Genossenschaften erlebbar machen“ – unter diesem Motto stand die Tagung der IG Genossenschaftsunternehmen, die am 5. September 2014 in Sursee stattfand. Rund 100 hochrangige Exponenten verschiedener Genossenschaftsunternehmen sowie Vertreter der Wissenschaft haben sich dabei mit der Frage beschäftigt, ob Genossenschaften für das Zeitalter der Erlebnisökonomie gerüstet sind.

Gemäss einer 2012 vom IFU I BLI Institut für Unternehmensrecht durchgeführten repräsentativen Umfrage werden Genossenschaften in der Schweizer Bevölkerung als sehr vertrauenswürdig und kompetent, aber oft auch als langweilig und mit Verbesserungspotenzial im Bereich Innovation eingestuft. Von einer anderen Seite konnte man die Genossenschaftsunternehmen jedoch an der Tagung „Genossenschaften erlebbar machen“ kennenlernen.

Zu Beginn erläuterte Prof. Dr. Franco Taisch vom Kompetenzzentrum für Genossenschaftsunternehmen am Institut für Unternehmensrecht der Universität Luzern aufgrund aktueller Untersuchungen des Genossenschaftsrechts die Basis für das Verständnis der Identität bzw. DNA von Genossenschaftsunternehmen. Auf der DNA sollten die gestalteten Erlebnisse idealerweise gründen, um glaubhafte und nachhaltige Wirkung zu erzielen. Dazu gehören u.a. der mehrdimensionale Zweck und Nutzen für verschiedene Anspruchsgruppen (Erleben von Sinn und Gemeinschaft) sowie die Partizipation bzw. das Erlebnis Mitbestimmung. Genossenschaftsunternehmen sind zudem lokal verankert (Erlebnis der Region). Mit dem DNA Element „Primat der Wertschöpfungskette“ erwirtschaften sie reale Werte und geben damit ein Erlebnis von Sicherheit und Beständigkeit, wodurch sie sich von Mitbewerbern differenzieren können.

Prof. (FH) Dr. Alexander Jungmeister, ebenfalls von der Uni Luzern, erläuterte die Prozesse und Grundlagen des Erlebnisdesigns mit vielen Beispielen aus der Praxis und unterteilte die Erlebnisse in unterhaltende, bildende, ästhetische und eskapistische Formen ein.

Das Erlebnis Landi beginnt mit dem Geruch nach Landwirtschaft und der einfachen, jedoch zweckmässigen Gestaltung der Landis, das so nirgend erhältliche Sortiment mit bäuerlichen Spezialartikeln und Gütern des täglichen Bedarfs rundet das Erlebnis ab. Ernst Hunkeler, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Landi Schweiz AG (Fenaco Genossenschaft), welchen Stellenwert die Landi in der Bevölkerung noch immer hat: «Die Leute sprechen von ‹meiner› Landi, was gleichbedeutend ist mit Vertrauen, Regionalität, ja sogar einem gewissen Stolz.» Eine Aussage, die Dr. Martin Keller, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Fenaco, unterstrich: «Es ist diese Nähe und die lokale Zusammenarbeit mit den Bauern, die uns von anderen unterscheidet, damit sind wir anderen eine Nasenlänge voraus.»

Eindrücklich demonstrierte die Migros mit neuesten Social Media Technologien („Migipedia“) wie Mitbestimmung – ein zentraler genossenschaftlicher Wert – für Kunden und Mitglieder im 21. Jahrhundert erlebbar wird. Kunden können beim Produktdesign mitbestimmen (wie etwa beim berühmten Eistee) und zukünftig werden sogar Produkte als „Von Kunden designt“ ausgezeichnet werden, wie Monica Glisenti, Leiterin Corporate Communications beim Migros-Genossenschafts-Bund, erklärte. «Unser Ziel ist es, Kundenwünsche zu verstehen und auf Augenhöhe erreichbar zu sein. Über Plattformen wie Facebook und Twitter sind die Kunden laufend mit uns in Kontakt.» Diese Präsenz lohnt sich für die Migros, wurden doch bereits über 40 Mio Umsatz mit solchermassen gestalten Produkten gemacht und die Kunden sind stolz auf „ihre“ Produkte, die es sonst nirgendwo so gibt.

Das besondere Erlebnis Mobiliar wird nicht nur durch die einzigartige genossenschaftliche Rückvergütung von Überschüssen deutlich („Geschenkpaketaktion“). Für Dora Andres, Mitglied des Verwaltungsrats der Schweizerischen Mobiliar Genossenschaft, ist die schnelle und persönliche Schadensfallabwicklung ein Kernerlebnis für die Versicherten. «Wenn wir uns nach einem Schadenfall umgehend um einen Kunden kümmern, ihm bei einem Kaffee mühsame Administration abnehmen und ihm so das Gefühl geben, dass er nicht alleine ist, können wir aus einem negativen Erlebnis ein positives schaffen.»

Einen kritischen Ansatz brachte Frank Boller, Verwaltungsratspräsident der Mobility Genossenschaft ein, als er erklärte, das Schweizer Genossenschaftsrecht limitiere in gewissen Situationen die Investitionsmöglichkeiten, da nicht wie bei einer Aktiengesellschaft rasch externes Kapital beschafft werden könne, was etwa via investierendes Mitglied im deutschen Recht möglich ist. «Dennoch bin ich überzeugt, dass der Kern unseres Erfolges im Genossenschaftsmodell liegt», denn ohne die lokale Verankerung der Mitglieder käme Mobility etwa nicht an wichtige Standorte, die für das Erleben der Dienstleistung Mobility („Convenience“) wesentlich ist.

Regionale Verankerung, Kundennähe und Sicherheit als Wettbewerbsvorteile gelte es zu verteidigen, bekräftigte auch Dr. Pierin Vincenz, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Raiffeisen Gruppe: «Den über Jahre geschaffenen persönlichen Kontakt zu den Kunden auch in unserer vermehrt digitalisierten Welt bewahren zu können, wird in Zukunft einer der grössten Herausforderungen darstellen.»

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